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Das „Healing Event“ in Berlin setzt sich für einen neuen Umgang mit der NS-Zeit ein: Vom Trauma zu einer neuen Kraft der Verantwortung

Vom Trauma zu einer neuen Kraft der Verantwortung


Das „Healing Event“ in Berlin setzte sich am 24. April für einen neuen Umgang mit der NS-Zeit ein


Mit unbewegter Mine sitzt er im Rollstuhl und verfolgt den Prozess. Seinen Prozess. John Demjanjuk soll in mindestens 27.900 Fällen während des
Nationalsozialismus Beihilfe zum Mord geleistet haben. Eine
Zahl, ebenso unvorstellbar und abstrakt wie 55 Millionen. So viele Menschen
sind Historikern zufolge dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Was kann ein
Prozess gegen sogenannte „Kriegsverbrecher“ wie John Demjanjuk dazu beitragen,
die tiefen Wunden, die der Krieg in unzählige Familien geschlagen hat,
auszuheilen?


Fast jeder in Deutschland könnte eine Geschichte vom Krieg erzählen. Vom eigenen Großvater, der in Russland gewesen ist, Menschen sterben sah.
Vielleicht sogar selbst getötet hat. Von der eigenen Großmutter, die
Bombennächte in dunklen Bunkern zugebracht hat. In der verzweifelten Angst,
alles zu verlieren. Das Problem: Viele dieser Geschichten wurden nie erzählt.
Vielleicht aus Angst, die eigenen Kinder zu belasten: „Was hätte es denn auch
genützt?“


So sind über die Jahre hinweg viele Tabus entstanden, ein kollektiver Schatten, der von der nachfolgenden Generation nur noch mit Zynismus zu
beantworten war. Man muss sich nicht gut auskennen mit Werken
der Psychoanalyse von Freud und Jung, um zu wissen: Auch Verdrängtes lebt
weiter fort. Auf Umwegen sucht es sich seinen Weg, taucht plötzlich und
unerwartet in Situationen als Kontraktion auf – und hindert daran, den nächsten
Schritt zu gehen. Immer wieder. Im Individuellen wie im Kollektiven.




Der amerikanische Philosoph Ken Wilber fasste die bisherigen Stränge der Bewusstseinsevolutionsforschung in einer Integralen Theorie zusammen,
die
verschiedene Perspektiven auf die Wirklichkeit eint. Die Innenschau östlicher
Philosophien. Das Wissen um physische Zusammenhänge aus der westlichen
Forschung. Die Grundannahme: Niemand hat einen exklusiven Zugang zur ganzen
Wirklichkeit, aber wer die verschiedenen Erkenntnisse in einem System
zusammenträgt, erhält die exakteste Landkarte der Wirklichkeit, die derzeit
möglich ist – sofern er sich auch der sogenannten „Schattenarbeit“ widmet, um
sich der eigenen Perspektive immer bewusster zu werden.


Auch Thomas Hübl beschäftigt sich in seinen Seminaren und Vorträgen seit Jahren mit der Evolution des menschlichen Bewusstseins und wählt
dafür eine integrale Herangehensweise. Immer wieder gelangt er in seiner Arbeit
an denselben Punkt: „Bei jedem Seminar, das länger als ein Wochenende dauert,
taucht irgendwann als ein Schatten das Thema ‚Zweiter Weltkrieg’ auf“, sagt
Hübl. Daraus entwickelte Hübl in Kooperation mit der Kamphausen Mediengruppe
und der Organisation „Global Awareness“ eine Veranstaltung, die sich von der
Schuldstarre befreit und einen unverstellten Blick auf eine kollektive Wunde
erlaubt: Das „Healing Event“. „Wichtigste Voraussetzung, um die Schichten der
Leugnung und Vermeidungsstrategien zu durchdringen und weiterzugehen in der
Evolution, ist der Mut, ganz genau hinzuschauen – und den Schmerz zuzulassen“,
so Hübl.


Am 24. April 2010 kamen unter dem Motto „Wahrheit heilt“ in einem Auditorium der Freien Universität Berlin 900 Menschen zusammen, um sich beim
„Healing Event“ mit der deutschen
Vergangenheit zu konfrontieren – nicht auf Verstandesebene, wie es vielen aus
dem Geschichtsunterricht in der Schule in Erinnerung geblieben ist, als Daten
und Fakten aneinander gereiht wurden. Sondern in einer authentischen Begegnung,
im Wahrnehmen des eigenen Innenlebens, der Gefühle in einer Gruppe, die sich
zunächst mit einer Meditation auf die kollektive Dynamik der damaligen Zeit
einstimmt und sich dann fragt: Wie konnte es so weit kommen? Welches Bedürfnis
hat die Gesellschaft damals für den Nationalsozialismus anfällig gemacht? Was hat der Zweite Weltkrieg mit meinem Leben
in der Gegenwart zu tun? Kenne ich diese Energie, wenn Menschen sich auf ein
gemeinsames Ziel einschwören, Teil eines größeren Plans werden? Die lustvolle
Macht eines Täters, der über fremdes Schicksal frei verfügen kann? Wie gehe ich
mit dem Thema Autorität um, und was bedeutet das für meinen spirituellen Weg? Und:
Kann so etwas noch einmal passieren?


Einer der Vorreiter einer evolutionären Perspektive, Andrew Cohen, brachte es auf den Punkt: „Unser Selbst besteht aus Kultur, aus geteilten Werten.“ Wer einen spirituellen
Weg gewählt habe, komme folglich um eine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit
nicht herum. „Der hohe Lebens- und Bildungsstandard in der westlichen Welt
verführt ohne eine gesunde Angst zur Schläfrigkeit“, meint Cohen weiter. Bei
den Deutschen sei das anders. „Durch die Folgen dieser kollektiven Katastrophe
gibt es in Deutschland noch immer eine einzigartige Dringlichkeit,
weiterzugehen.“ Um den Beitrag Deutschlands beim Voranschreiten des globalen
Bewusstseins ging es an diesem Tag immer wieder. Tom Steiniger, Herausgeber der
Zeitschrift „EnlightenNext“, verwies auf die Tradition des deutschen
Idealismus: „Wenn wir den idealistischen, sehnsüchtigen Anteil am Nationalsozialismus
nicht sehen, dann werden wir uns vom Schatten nicht befreien können.“


Günther Wieland hat als Kind Adolf Hitler aus nächster Nähe gesehen. Und war fasziniert, hypnotisiert, von dem Wir-Gefühl, das sich in der Euphorie
breitmachte. Er zog
als Soldat in den Krieg, verlor am 3. Januar 1945 bei einem Bombenangriff sein
Augenlicht. Arbeitete später als Psychotherapeut. Heute sitzt er vor 900
Menschen und erzählt aus der Biographie Adolf Hitlers. Von einem Jungen, der
von seinem Vater wie ein Hund herbeigepfiffen wird. Als er mit elf Jahren einen
Fluchtversuch wagt, prügelt ihn der Vater bewusstlos. Schnell wird klar, dass
es zu einfach ist, die Verantwortung für das Geschehene an die Grausamkeit
eines einzelnen Mannes abzutreten. Hitler war ein Symptom seiner Zeit und ihrer
Kultur. Seinen Aufstieg hat er unter anderem einer Euphoriewelle zu verdanken,
die sich irgendwann verselbständigte, vom Mitgefühl und von der Präsenz
abtrennte, pervertierte in ihr negatives Gegenteil. Der Schock darüber ist den
Anwesenden auch 65 Jahre nach Kriegsende anzumerken: Jemand spricht von der
eigenen „Kindheit im Eiskeller“. Ein anderer erwähnt den Schmerz, „das Gute an
Deutschland“ nicht schätzen zu dürfen.





Alle Perspektiven auf die Wirklichkeit einbeziehen, so lautet das integrale Credo. Dazu gehört auch die Israels. „Die Energie vom Holocaust kann
bis heute nicht einfach verschwunden sein. Sie ist in uns – als Schnitt
in den
Wurzeln“, sagt Hübl. Efrat Sar-Shalom Hanegbi, die die
gleichzeitig stattfindende Veranstaltung in Israel mit organisiert hat, gibt
ihm recht:
„Als Kind hatte ich immer Angst, im nächsten Moment
attackiert zu werden“, sagt sie.
Um sich sicher zu fühlen, würden viele Israelis versuchen, sich nach außen stark zu geben. „Wir
tragen die Verantwortung für unsere Wut und erst, wenn wir unsere Wunde heilen,
können wir den Konflikt mit Palästina lösen“, sagt die Israelin.
Liveschaltung mit Eva Kor Ähnlich beschreibt es
die live zugeschaltete Eva Kor, die als Kind vom KZ-Arzt Josef Mengele ebenso wie
ihre Zwillingsschwester für medizinische Experimente misshandelt wurde. „Es war
meine freie Entscheidung, den Nazis zu vergeben – jeder hat das Recht und die
Kraft dazu.“ Sich im Jahre 1995 bewusst dafür zu entscheiden, habe ihr das
Gefühlsleben zurückgeschenkt. Bewegend ist der Moment, als in
Israel und Deutschland an diesem Tag Menschen mit einer gemeinsamen Meditation
ein Zeichen setzen, das zeigt, wie Brücken allen Verletzungen zum Trotz
zwischen der deutschen und jüdischen Kultur Bestand haben.


Mit einem Mal geht es um persönliche Verantwortung. Der Fokus verschiebt sich vom Trauma, das anzuschauen ist, hin zur Verantwortung, die in
diesem gegenwärtigen Moment
anzunehmen ist, um eine neue, andere Zukunft zu erschaffen. „Das
Überwältigstein von Schuld und Weltschmerz kann auch zu einem Sofa werden, das
als Entschuldigung dient, uns nicht weiterentwickeln zu müssen“, sagt Hübl. Es
geht um Indifferenz - das Gefühl, ja doch nichts ändern zu können an den
gegenwärtigen Umständen. Und die Notwendigkeit, in allen Situationen des Lebens
ganz anwesend zu sein, achtsam verbunden mit den eigenen Überzeugungen, um
einschreiten zu können, wenn Unrecht geschieht. „Die Zukunft ist nicht morgen,
sondern jetzt als Potential zwischen uns“, sagt Tom Steininger. „Es gibt einen
evolutionären Druck, heute die Dinge anders zu machen, Fehler nicht zu
wiederholen.“


1998 kritisierte der Autor Martin Walser die „Instrumentalisierung von Auschwitz“ und bezeichnete die ständige Thematisierung des Holocaust
als eine „Moralkeule“.
Damit entfachte er eine erbitterte Auseinandersetzung mit dem damaligen
Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis – am Ende
waren sich beide einig, dass die angemessene Sprache für den Umgang mit der
deutschen Vergangenheit noch nicht gefunden worden war.


Zwölf Jahre später scheint Bewegung in diese „Kultur des Schweigens“ gekommen zu sein: Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg unmittelbar miterlebt hat, verstirbt nach und
nach.Einige hinterlassen Tagebuchaufzeichnungen, Liebesbriefe aus dem
Krieg, die in Familien eine Auseinandersetzung mit der eigenen
Familiengeschichte erlauben, erleichtert von der zeitlichen Distanz.
Die letzten noch lebenden Kriegsverbrecher wie John Demjanjuk werden
gerichtet, Medien greifen aus diesem Anlass den Nationalsozialismus
auf, in einer anderen Sprache: unverstellter, authentischer,
enttabuisierter. Langsam kann der Schatten sich lichten.
Veranstaltungen wie das „Healing Event“ können dazu einen
entscheidenden Beitrag leisten. Indem sie zeigen, dass die deutsche
Kultur dabei ist, ein Erinnern zu entwickeln, das über die bloße
Andacht hinausgeht. In die Zukunft gerichtet ist. Auf das noch unentfaltete menschliche Potenzial.

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Viel wichtiger währe ein " Healing Event" für den wiederrechtlichen Irak Krieg und Afghanistan Krieg .
Bei letzteren sind ja schon wieder Deutsche Soldaten involviert
Ein Skandal ohnesgleichen
Die ganzen alten Kriegs Kamellen mit dem Adolf und Konsorten sind ja sowas von abgedroschen
Unzählige Male sind Säue durch die Dörfer getrieben worden ...

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