Selbstverleugnung und das Aufgeben des eigenen Willens ist ein zentraler Gedanke innerhalb der Botschaft Jesu. So betet Jesus noch kurz vor seiner Verhaftung:
" ...Vater.. nicht mein, sondern dein Wille geschehe" (Lukas 22, 42).
Doch leider werden Postulate, wie auch das folgende:
" Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst..."(Lukas 9, 23)
von manchen Glaubensrichtungen als eine Forderung nach unbedingtem Gehorsam gegenüber den Autoritäten der jeweiligen Kirche interpretiert. Tatsächlich spricht auch der Apostel Paulus in dem o. g. Zusammenhang vom Gehorsam:
"Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz." (Philipper 2,8)
Un dennoch unterscheidet sich dieser Gehorsam grundlegend von jenem Kadavergehorsam, den manche "christliche" Kirchen von ihren Gläubigen fordern. Denn das, was Jesus an Haß und Verachtung auf sich nahm, war je eben gerade die Konsequenz seines Aufbegehrens, seines Ungehorsams gegenüber der religösen Obrigkeit und Autorität.
Schon Meister Eckhart differenziert daher den Begriff Gehorsam und schreibt in seinem Traktat "Vom wahren Gehorsam folgendes:
"Wahrer und vollkommener Gehorsam ist eine Tugend vor allen Tugenden..."
"Wo der Mensch in solchem Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich dem Seinen entschlägt, ebenda muss Gott notgedrungen hinwiederum eingehen; denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muss Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst."
Was haltet Ihr von der Forderung nach bzw. was versteht ihr unter religiösem Gehorsam?
Tags: Aufbegehren, Gehorsam, Gott, Jesus, Kadavergehorsam, Kreuz, Selbstverleugnung, Tod, Ungehorsam
Lieber Elmar,
Gehorsam wem gegenüber? Du differenzierst es schon: religiöser Gehorsam kann bedeuten: innerhalb der Religion Dogmen und Hierarchien zu gehorchen - oder in dem selbst erfahrenen und aufrichtig gefundenen Gott, in seinem Willen aufzugehen. Den Hierarchien hat Meister Eckhart nur bedingt gehorcht, hat auch genug opponiert und provoziert. Als er so einfach über den Gehorsam redete, da setzte er etwas voraus, was kirchen- und dogmengeschädigten Menschen abhanden gekommen ist - authentischen, individuellen Glauben.
Man stelle sich vor, jemand strebt die Selbstverleugnung an und opfert den eigenen Willen den Ideen anderer Menschen, die behaupten, für Gott zu sprechen. Für Meister Eckhart ist der Adressat des Gehorsams so selbstverständlich, dass er ihn gar nicht erwähnt. Er hat die Wahrheit in sich, der er gehorcht.
Noch mal: Missbrauchtes Vertrauen und missbrauchter Gehorsam führen in die Knechtschaft von Menschen. Schwer ist es für einschlägig vorgeschädigte Menschen, dann ehrlich Gott zu finden. Sich dann nochmal zu trauen, das Eigene loszulassen. Umso größer ist die Sehnsucht und das Wunder, wenn es ihnen dann geschenkt wird.
Herzliche Grüße, Lys.
Permalink Antwort von Elmar am 21. September 2011 um 8:42am worauf ich gedanklich hinauswollte, und darin stimmen wir denke ich überein, dass jener Gehorsam, von dem die alten Texte und auch Meister Eckhart reden, unter einem Begriff zusammengefasst werden kann: Authentizität. Die Haltung Jesu zeichnet sich nach meinem Dafürhalten aus durch höchste Authentizität.Was heißt das? Jesus hatte den Wert und die Bedeutung seiner menschlichen Existenz, seiner Mission und damit seine Identität als etwas Zeitloses (Ewiges) erkannt und hat entsprechend dieser Erkenntnis konsequent gelebt und gehandelt - ohne Rücksicht auf den Verlust seiner Ehre und seines menschlichen Lebens. Allein diese Geistesaltung der Selbstverleugnung hat Ihn unsterblich gemacht. Diese Art des bedingungslosen Aufgebens jeglichen eigenen Willens löst sozusagen den göttlichen Willen in uns aus, so dass alles, was in dieser Geisteshaltung geschieht, von da an niemand anderes als Gott selbst tut. Was Jesus lehrt und worauf Eckhart hinweist ist also die Fähigkeit universellen Schöpfergeist zu gewinnen. Gott schafft und kreiert wortwährend Neues - nun aber nicht mehr ohne uns. Die Angst, dass wir zu Kurz kommen unsere Belange nicht beachtet oder vergessen werden könnten, ist einem höheren Bewußtsein des Vertrauens in ausnahmslos alle Geschehnisse gewichen. Alles dient nun - selbst das Böse! Diese Ursächlichkeit beschreibt Meister Eckhart in dem o. g. Traktat noch weiter:
"Wo der Mensch in solchem Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich dem Seinen entschlägt, ebenda muss Gott notgedrungen hinwiederum eingehen; denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muss Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst.
Fortsetzung des Textes:
"Wenn ich mich meines Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen und für mich selbst nichts will, so muss Gott drum für mich wollen, und versäumt er etwas für mich darin, so versäumnt er es zugleich für sich selbst. So steht's in allen Dingen: Wo ich nichts für mich will, da will Gott für mich. Nun gib acht! Was will er denn für mich, wenn ich nichts für mich will? Darin, wo ich von meinem Ich lasse, da muß er für mich notwendig alles das wollen, was er für sich selber will, nicht weniger noch mehr, und in derselben Weise, mit der er für sich will. Und täte Gott das nicht, - bei der Wahrheit, die Gott ist, so wäre Gott nicht gerecht, noch wäre er Gott, was <doch> sein natürliches Sein ist. In wahrem gehorsam darf kein »Ich will so oder so« oder »dies oder das« gefunden werden, sondern nur vollkommenes Aufgeben des Deinen."
Hier das Origial für alle Eckhartliebhaber:
Elmar
Lieber Elmar,
vielen Dank für deine Antwort und für die Fortsetzung des Zitats sowie für die Handschrift Meister Eckharts. Dieses Dokument erinnert erst mal daran, wie alt die Gedanken schon sind und dennoch: wie zeitlos!
Authentizität ist das Prüfkriterium für wahren göttlichen Gehorsam. Jetzt frage ich weiter:
Wie komme ich dahin bzw. wie kann ich erkennen, ob ich authentisch oder fremdbestimmt bin? Ist es richtig, sich dauernd zu prüfen und zu hinterfragen? Kann ich es erbitten, die Selbstzweifel loszuwerden und in Vertrauen aufgehen zu lassen? Manchmal gelingt es. Doch es ist noch nicht, wie du sagst, unerschütterlich - ist noch zaghaft, labil.
Herzliche Grüße,
Lys.
Permalink Antwort von Elmar am 23. September 2011 um 9:44am Hier der Originaltext in einer geglätteten Fassung:
"Wâriu und volkomeniu gehôrsame ist ein tugent vor allen tugenden und kein werk sô grôz enmac geschehen noch getân werden âne die tugent; und swie kleine ein werk und swie snœde ez sî, sô ist ez nützer getân in wârer gehôrsame, ez sî messe lesen, hœren, beten, contemplieren oder swaz dû maht gedenken. Nim aber swie snœde ein werk dû wellest, ez sî swaz daz sî, ez machet dir wâriu gehôrsame edeler und bezzer. Gehôrsame würket alwege daz aller beste in allen dingen. Joch diu gehôrsame engeirret niemer niht und enversûmet ouch nihtes, swaz ieman tuot, in deheinen dingen, daz ûz der wâren gehôrsame gât, wan si enversûmet kein guot. Gehôrsame bedarf niemer niht gesorgen, ir engebrichet ouch keines guotes. Swâ der mensche in gehôrsame des sînen ûzgât und sich des sînen erwiget, dâ an dem selben muoz got von nôt wider îngân; wan sô einez im selber niht enwil, dem muoz got wellen glîcher wîs als im selber. Swenne ich mînes willen bin ûzgegangen in die hant mînes prêlâten und mir selber niht enwil, dar umbe muoz mir got wellen, und versûmet er mich an dem teile, sô versûmet er sich selber. Alsô in allen dingen, dâ ich mir niht enwil, dâ wil mir got. Nû merke! Waz wil er mir, dâ ich mir niht enwil? Dâ ich mich ane lâze, dâ muoz er mir von nôt wellen allez, daz er im selben wil, noch minner noch mêr, und mit der selben wîse, dâ er im mit wil. Und entæte got des niht, in der wârheit, diu got ist, sô enwære got niht gereht noch enwære got, daz sîn natiurlich wesen ist."
Zu deiner Frage, wie man erkennen kann, ob man authentisch oder fremdbestimmt ist folgendes: Dafür, denke ich, gibt es kein Patentrezept. Es ist eine Frage des "guten Willens", ob ich bereit bin mich immer wieder so zu sehen, wie ich bin. Die Fähigket sich selbst zu erkennen ist eine Gabe - ist Gnade, wenn man so will. Der Weg, den Jesus gelehrt hat, ist dabei denkbar einfach: Alles Erkennen und Eingestehen der eigenen Schwäche und Fehlbarkeit birgt ein unerhörtes Potential: Im Sinne Jesu soll es als stumme Aufforderung verstanden werden den Schwächen und Fehlern meines Nächsten mit Barmherzigkeit zu begegnen. Allein diese Geisteshaltung überwindet das Böse. Hierin liegt die tiefe Bedeutung des Satzes Jesu: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich"
Herzliche Grüße
Elmar
Lieber Elmar,
deine Antwort hilft mir weiter. So paradox es klingen mag: Um sich selbst zu erkennen, um authentisch zu sein, dazu braucht man Demut. Das ist mir durch deine Worte ganz drastisch klar geworden.
Sich in Frage zu stellen, um sich zu zerstören oder um dadurch besser dazustehen, das ist alles nicht von Jesus gemeint. Sondern sich zu erkennen in seinen Schwächen, wie du sagst, um barmherzig gegen andere und sich selbst zu sein. Nur darin liegt der Sinn des Hinterfragens. Das Böse, das du erwähnst, und das wir überwinden sollen, ist der Versuch, durch Selbstzerstörung oder Selbstüberschätzung am göttlichen Willen vorbeizukommen. Demut und Gehorsam fügen sich in den Willen Gottes ein.
Danke! Lys
Permalink Antwort von Elisabeth Marichal am 18. Oktober 2011 um 8:50am Ich verstehe unter religiösem Gehorsam sich von dem abzuwenden was einen von sich Selbst entfernt. Das bedeutet sich loszulösen von äusseren Dingen und sich auf das innere zu konzentrieren. damit hört man auf im Aussen um sein Leben zu kämpfen und dadurch erkennt man das was Leben wirklich ist. Es ist der Gehorsam des Selbst zu sich Selbst. Alles andere ist Selbstverleugnung und bedeutet den Tod des Selbstes. Und genau das lehrte auch Jesus. deswegen sagte er unter anderem auch: Lasst die Toden ihre Toten begraben und wer mir folgt wird ewig Leben. Für ihn waren damit alle Menschen die sich nur um die belange des Körpers sorgten tot und das der Weg den er zeigte, den Weg sich Selbst zu Lieben, der Weg ist der die Befreiung birngt und das ewige Leben.
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