Der Begriff Mystik geht zurück auf das altgriechische Verb >>myein, bei dessen Entstehung der Verschlusslaut >>M Pate stand.
Würde man >>myein wortwörtlich übersetzen wollen, müsste man genau genommen sagen: >>Ich spreche ein M bzw. >>Ich emme.
An diesem Bild vom verschlossenen Mund, der etwas zu sagen versucht, wird deutlich worum es in der Mystik geht: Um das Unaussprechliche und Unverständliche. Um eine innere Schau, die sich nicht oder nur unzureichend in Worte fassen lässt. Der Mystiker Meister Eckhart zitiert in diesem Zusammenhang Gregor von Nazianz mit den Worten:
„Wir können von Gott nicht eigentlich sprechen. Was wir von ihm sprechen, das müssen wir stammeln.“
Luther bezeichnet die Einleitung des 1. Johannesbriefes als das „Lallen“ eines Kindes. Damit wären wir bei der Kehrseite der Mystik: Das Unverständliche, das Verstiegene und Abgehobene, das immer dann vermutet wird, wenn das Gesagte beim Zuhörer keine Gunst findet – ob berechtigt oder unberechtigt.
Nun meine Frage in die Runde: Was verbindet Ihr persönlich mit dem Begriff Mystik und was hat euch bewogen, dieser Gruppe beizutreten?
Tags: Christliche, Eckhart, Innere, Lallen, Luther, Meister, Mystik, Mystiker, Schau, Unaussprechliches, Mehr...Verschlusslaut, myein, stammeln
Gott suchen
Lieber Elmar,
Was ich unter Mystik verstehe? Du hast das Wort sehr anschaulich erklärt.
Wenn es also unaussprechlich, unbeschreiblich ist – wie kann dann doch ein Austausch zu diesem Thema stattfinden? Ich denke, es muss mehr sein als bloße Aussagen, es kann zwischen den Zeilen etwas wahrgenommen werden.
Es geht da wohl um ganz individuelle Erfahrungen mit dem Göttlichen. Ich habe in meinem Leben gemerkt, dass kontinuierlich eine Sehnsucht vorhanden war, die mit zunehmender Fremdbestimmung und Zwang durch religiöse Dogmen unterdrückt, aber nicht getötet wurde. In dieser Zeit war ich bedrückt. Ich verstehe jetzt, warum. Du hast es ja selbst gesagt. Dogmen sind starre, tote Formen, die dem Göttlichen nicht gerecht werden. Doch die Sehnsucht ist stärker.
Wir gingen mal auf einer ziemlich frisch geteerten Waldstraße spazieren. In einiger Entfernung war eine Unebenheit auf dem Pflaster zu erkennen. Als wir näher kamen, haben wir gestaunt. Ein Löwenzahnpflänzchen hatte die Teerdecke gesprengt und wuchs einfach durch die Straße hindurch. So sprengt vielleicht unsere Sehnsucht die Dogmen und will ans Licht. Das Licht ist die Antwort auf wahre Sehnsucht (aufrichtige Fragen).
Herzliche Grüße, Lys.
Permalink Antwort von Elmar am 4. September 2011 um 10:34pm Liebe Lys, du schreibst:
"Wenn es also unaussprechlich, unbeschreiblich ist – wie kann dann doch ein Austausch zu diesem Thema stattfinden?"
Als Jesus den Pharisäer Nikodemus über geistige Gesetzmäßigkeiten aufklärte stieß er bei ihm auf Unverständnis. Auf die Fassunglosigkeit des Pharisäers reagiert Jesus mit den Worten:
Amen, amen, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. -Johannes 3,11-
In einem Streitgespräch gegnüber orthodoxen Juden äußert er sich ähnlich:
Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt!
-Johannes 8,43-
Ich denke, das beschreibt das Dilemma des Mystikers - desjenigen, der eine hinter-gründige Wirklichkeit schaut und nun auf der Suche ist nach Gemeinschaft, nach Menschen, denen er das Geschaute mitteilen kann bzw. die seine Wirklichkeit mit ihm teilen, da sie selbst auf der Suche sind nach einer hintergründigen Wirklichkeit. Kunst braucht Gunst! Es kommt also primär gar nicht so sehr darauf an, dass mystische bzw. hintergründige Weisheiten ein für alle mal verstanden werden, vielmehr geht es um das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Redners. Das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Lehrers ist der Schlüssel zu Verständnis mystischer Weisheiten, die ja im übrigen nie endgültig, sondern zeitlos, also fortwährend wahr sind.
Es ist ähnlich wie beim Rundfunk: Sender und Empfänger benötigen die selbe Frequenz. Die Frequenz ist die Voraussetzung einander zu hören. Weisheiten hören, und empfangen zu können, setzt eben nicht ein bestimmtes Level an Intelligenz voraus, sondern schlicht die Fähigkeit Empfänger zu sein.
Liebe Grüße
Elmar
Permalink Antwort von Chantal am 5. September 2011 um 5:52pm Hallo Elmar,
auf deine Frage, Was verbindet Ihr persönlich mit dem Begriff Mystik und was hat euch bewogen, dieser Gruppe beizutreten?
Für mich sind es Texte von Meister Eckhart, z.B. wie diesen hier, den du auch in deinem Buch: Essenzen im Original abgebildet hast.
Mal frei übersetzt: "Das Auge, darin ich Gott sehe, ist das selbe Auge, darin mich Gott sieht."
Und da meine Wahrnehmung am meisten über das Auge geht, ich mache ja Bilder, ist mir dieser Satz besonders unter die Haut gegangen. Wer sieht da? Und da bekomme ich einen Geschmack von Mystik. Da bin nicht mehr ich, welche schaut, da schaut es.
Und dann ist Frieden in den Augen, und sie suchen nicht mehr weiter.
Und Augen sind die Fenster auch zur Gruppe.
Das "Auge Gottes", hier unten ist ein Ausschnitt einer "Allégorie sacrée"von J. Provost
Lieber Elmar,
Danke für deine Erklärung, die in mir noch andere Zitate wachgerufen hat. Du schreibst:
Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt!
-Johannes 8,43-
Dazu fiel mir ein: "Meine Schafe hören meine Stimme."
Und dann das Gleichnis vom Sämann, in dem anschaulich gemacht wird, wie das Gehörte wieder verloren geht. In den Erklärungen Jesu heißt es: "Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort...." (Mt. 13, 22)
Ein Gegenteil von Mystik sind wohl starre Dogmen, das andere Gegenteil ist der Stumpfsinn, der uns im Vordergründigen gefangen hält und das Hören und Sehen (welches Chantal hervorhebt) beschränkt.
Wieder aus Mt. 13:
"Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören UND MIT DEM HERZEN VERSTEHEN...."
Wer denkt da nicht gleich an St.-Exupéry's "nur mit dem Herzen sieht man richtig".
Du hast einen guten Rat gegeben, indem du an das Vertrauen zu dem appellierst, der mystische Weisheiten ausspricht. Dazu habe ich die Frage, ob das, was wir von einem Lehrer/Vermittler mitgeteilt bekommen nicht auch direkt erleben können (müssen) ?
Vielleicht ist das, was du Verständnis nennst, auch der Schlüssel zu eigenen, authentischen mystischen Erfahrungen ?
Herzliche Grüße,
Lys.
PS. Schön, dass es in diesem Forum wieder lebendig wird !
Permalink Antwort von Elmar am 6. September 2011 um 11:56am Liebe Chantal,
dein Bild vom Auge Gottes aus der "Allégorie sacrée" ist bezaubernd schön - so mystisch, dass ich es gleich in das Erkennungslogo dieser Gruppe integriert habe. Ich habe es ins Zentrum des Labyrinths gesetzt. Wie findest du es? Auch für mich ist das von dir erwähnte Meister Eckhart Zitat ein wichtiges und essentielles - besagt es doch, dass die menschliche Erkenntnisfähigkeit das wahre Auge Gottes ist. Dort, wo wir gewillt sind, uns selbst zu erkennen (Selbsterkenntnis üben), da schauen wir Gott (die Wahrheit) in uns und in diesem Tun erkennt wiederum Gott uns und diese Welt - anders ist es nicht möglich. Durch jede aufrichtig geübte Selbsterkenntnis erkennt Gott die Beschaffenheit unserer selbst und dieser Welt. Und alles "dunkle" worauf wir den Blick ungetrübter Erkenntnis gestatten, das wird eben dadurch geklärt und erhellt - d. h. es wird gut. Wir können Gott nur durch schonungsloses Erkennen schauen. Wer bereit ist bedingungslos sich selbst zu erkennen, der allein ist im Reinen mit sich selbst.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. (Matthäus 5,8)
Erkenne dich selbst; und du wirst Gott erkennen (Orakel von Delphi)
Herzliche Grüße
Elmar
Permalink Antwort von Elmar am 7. September 2011 um 8:47am
Liebe Lys,
du schreibst, dass das Gegenteil von Mystik wohl starre Dogmen sind.
Dem möchte ich zustimmen. Entspringt die mystische Schau doch einem hoch kreativen Geist. Nun ist aber das kreative Element dem Buchstaben nach nicht fassbar, auch entzieht es sich jeglicher Beurteilung von aussen - kann nur durch sich selbst beurteilt werden, wie auch der Apostel Paulus schreibt:
Der geistliche Mensch beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. 1.Korinther 2,15
Dieses Phänomen kann von denen, die sich um eine "geregelte" Religionsausübung bemühen nicht hingenommen werden und so legen sie Ihren Schäfchen pseudospirituelle Regelwerke vor und auf. Alles was nicht "fassbar" ist muss "festgezurrt" und festgenagelt" werden, wodurch es aber unweigerlich stirbt. Der festgenagelte Jesus am Kreuz ist so gesehen auch eine Metapher.
Du fragst, ob wir das, was wir von einem Lehrer/Vermittler mitgeteilt bekommen nicht auch direkt erleben können (müssen) ?
Ich persönlich glaube, dass wir geistige Botschaften, die in unserem Inneren einen Widerhall finden bereits auf eine transzendente Weise leben und erleben. Allein durch die Affinität (Liebe) zu Gott werden wir eins mit ihm. Der aufrichtige Wunsch und die Sehnsucht nach Einheit mit dem Geist macht uns zu dessen Teilhabern. Diese Gesinnung ist die Grundlage der guten Erfahrung und ist zugleich die Erfahrung selbst. Damit wären wir wieder beim Gleichnis vom Sämann: Der (Nähr-) Boden ist die Grundlage und der Schlüssel zur geistigen Erfahrugen: Ist der Boden gut (geistig), auf den der Samen (die geistige Botschaft) fällt, wird auch die Saat wachsen und Frucht bringen.
Liebe Grüße
Elmar
Permalink Antwort von Chantal am 7. September 2011 um 9:01pm Lieber Elmar,
zuerst habe ich das "Auge" noch gesucht, und dann, wenn ich genau schaue, da ist es genau im Zentrum des Labyrinths. Ja, ich finde es seeeehr passend dort. Eine treffliche Platzierung.
Einen schönen Text hast du in deinem Kommentar da noch angefügt. Ich persönlich bin dem Wort: Gott näher, wenn ich es mit "reinen Bewusstsein" übersetze, oder wie du das Wort: "die Wahrheit" für das Wort: Gott in Klammer gesetzt hast.
Genau, das ist es, warum ich zur Mystik tendiere, weil da das Wort Gottes neu und kreativ ausgelegt wird. Gott ist da ein Auge, oder eben leer, wie die Pupille im Auge. Nicht erklärbar. Wir atmen, schauen, staunen, lieben, leben, sterben. Es braucht keinen anderen Sinn, als das was ist. Wir sind darin geborgen. Wir können nicht heraus fallen, weil es die eine Schöpfung ist.
Vor ein paar Tagen fragte mich eine 50. jährige Frau im Gespräch, ob ich bewusst, d.h. selbst gewollt, in die Welt gekommen bin. Sie selbst wollte bewusst in die Welt kommen. Das konnte ich ihr von mir so nicht sagen. Ich, ist ja ein Ich-Gedanke, etwas getrenntes von der Schöpfung. Es, das Leben hat mich ausgespuckt, das Leben atmet durch meinem Körper. Das bleibt wohl das Mysterium, dass wir uns getrennt von der Schöpfung fühlen, aber auch darin geborgen sind. Leben und Tod und zu gleich auch ewiges Leben. Das verstehe ich als den mystischen Kern. Der Verstand kann's nicht verstehen, weil er alles zweiteilen muss. In der Erlösung vom Zweifel kann er sich dem nur hingeben.
Herzliche Grüsse
-Ch-
Lieber Elmar,
deine Antwort hat mir weitergeholfen und Mut gemacht.
Das Paulus-Zitat erstaunt durch die Freiheit der Individualität. Wenn ich es weiter bedenke und auch die Gedanken aus der unten stehenden Korresopondenz mit Chantal dazu nehme: Wir gelangen zu Gott durch fortwährende Prüfung unserer Aufrichtigkeit. Wir finden unsere Authentizität und eigentliche Identität. Dieses Auge betrachtet und prüft uns - liebevoll, den Sinn suchend und doch im Vertrauen schon wissend, schonungslos korrigierend und doch immer mitleidend.
Das ist für mich ganz wichtig, da ich zuvor viel aus Angst und menschlichem Druck getan habe und meine Ehrlichkeit anzweifeln musste und auch jetzt immer noch muss. Doch ich reflektiere nun mehr im Vertrauen.
So ist es auch nur möglich, diesen "Widerhall" (der Vergleich gefällt mir) zu empfinden und somit die Mitteilungen eines anderen authentisch (nicht aus Angst) zu leben und zu erleben. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Wenn ich mich unter Druck gesetzt fühle, kann ich mich dem Druck entziehen. Doch wenn ich den Widerhall verspüre, das macht mich froh und mutig, denn es kommt von Gott und führt zu Gott.
Danke, und liebe Grüße,
Lys.
Permalink Antwort von Elmar am 10. September 2011 um 12:44pm Liebe Chantal,
hier ein weiteres mystisches Bild. Diesmal von Khalil Gibran, kennst du ihn? Es trägt den Titel: "The Divine World." Khalil Gibran ist Autor des bekannten Buches: "Der Prophet".
Ich denke wir liegen gedanklich gar nicht weit auseinander. Ich persönlich mache, wie du siehst, keinen Unterschied zwischen Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis. Es ist in für mich ein und dasselbe - und diese Auffassung ist m. E. ganz im Sinne der Bergpredigt - wenn auch nicht unbedingt kirchlich-orthodox. Auch deine Auffassung, den Begriff Gott mit "reinem Bewusstsein" gleichzusetzen kann ich teilen. Für mich ist Gott auch Bewusstsein im Sinne von > bewusst sein< also >bewusstes Sein<, d. h. allen Dingen und Geschehnissen (ob erwünscht oder unerwünscht) ungeteilte Aufmerksamkeit entgegen bringen, so wie es u. a. der jüdische Philosoph Spinoza formuliert hat: "Jede Erscheinung beweist ihre Notwendigkeit durch ihr Dasein."
Herzlich Grüße
Elmar
Permalink Antwort von Chantal am 11. September 2011 um 5:52pm Lieber Elmar,
Das Bild ist aber nicht von Khalil Gibran, den ich auch kenne. Es ist von William Blake. Eine göttliche Vision. Zuerst habe ich nur die Hand gesehen, und dann das abgeschnittene Auge.
Eine meiner ersten Zeichnungen, hatte das gleiche Motiv, aber da kannte ich den Blake noch nicht.
Ich setze es mal dazu.
Alles in allem wieder erkennen, das war mein Ausgangspunkt für die Mystik.
Permalink Antwort von Elmar am 11. September 2011 um 8:19pm Lieber Thomas,
schön, dass du hier hergefunden hast. Du hast es sehr treffend auf den Punkt gebracht, wenn du schreibst, dass es das Wesen der Mystik ist, unbeschreibliche Gotteserfahrungen in Worte zu fassen. Vielleicht gelingt uns solch ein Austausch in diesem Rahmen. Leider kenne ich Jacob Böhme zu wenig, um Fundiertes über seine Theologie oder Philosphie zu sagen obwohl seine Wirkungsstätte (Görlitz) ja direkt vor meiner Haustüre liegt. Umso mehr interessiert es mich, was du über diesen Mystiker mitteilen kannst.
Herzlichst
Elmar
Permalink Antwort von Elmar am 11. September 2011 um 8:29pm Liebe Chantal,
gefällt mir gut deine surrealistische Menschenkomposition, die sich zu einem Auge verdichtet. Was ist das für eine Maltechnik?
Noch mal zu dem Bild mit der Hand:
Es ist tatsächlich von Khalil Gibran. Gib einfach mal seinen Namen bei Google ein und suche unter der Rubrik Bilder - da kommt es x-mal. Beim Suchbegriff "William Blake" wird es nicht erscheinen. Ich weiß das auch deshalb so genau, da ich vor kurzem einem Vortrag über Khalil Gibran hörte, dabei wurden auch seine Bilder gezeigt und besprochen und da fiel mir dieses "Divine World" auf.
Herzlichst
Elmar
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