Der Begriff Mystik geht zurück auf das altgriechische Verb >>myein, bei dessen Entstehung der Verschlusslaut >>M Pate stand.
Würde man >>myein wortwörtlich übersetzen wollen, müsste man genau genommen sagen: >>Ich spreche ein M bzw. >>Ich emme.
An diesem Bild vom verschlossenen Mund, der etwas zu sagen versucht, wird deutlich worum es in der Mystik geht: Um das Unaussprechliche und Unverständliche. Um eine innere Schau, die sich nicht oder nur unzureichend in Worte fassen lässt. Der Mystiker Meister Eckhart zitiert in diesem Zusammenhang Gregor von Nazianz mit den Worten:
„Wir können von Gott nicht eigentlich sprechen. Was wir von ihm sprechen, das müssen wir stammeln.“
Luther bezeichnet die Einleitung des 1. Johannesbriefes als das „Lallen“ eines Kindes. Damit wären wir bei der Kehrseite der Mystik: Das Unverständliche, das Verstiegene und Abgehobene, das immer dann vermutet wird, wenn das Gesagte beim Zuhörer keine Gunst findet – ob berechtigt oder unberechtigt.
Nun meine Frage in die Runde: Was verbindet Ihr persönlich mit dem Begriff Mystik und was hat euch bewogen, dieser Gruppe beizutreten?
Tags: Christliche, Eckhart, Innere, Lallen, Luther, Meister, Mystik, Mystiker, Schau, Unaussprechliches, Mehr...Verschlusslaut, myein, stammeln
Permalink Antwort von Elmar am 11. September 2011 um 9:16pm Liebe Lys,
Du schreibst:
Wir gelangen zu Gott durch fortwährende Prüfung unserer Aufrichtigkeit. Wir finden unsere Authentizität und eigentliche Identität. Dieses Auge betrachtet und prüft uns - liebevoll, den Sinn suchend und doch im Vertrauen schon wissend, schonungslos korrigierend und doch immer mitleidend.
Ja, auch mitleidend! Aber selbst das Mitleid Gottes ist reziprok – ist kein einseitiges. So, wie das Auge Gottes bzw. die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ein „Organ“ ist, dessen Gott und Mensch sich gleichermaßen bedient, so ist auch das Mitleid, das wir für Mensch und Kreatur empfinden (wenn wir die Not erkennen) nichts anderes als das Mitleid Gottes, das er für seine Kreatur empfindet. In diesem Sinne konnte Jesus sagen: „Was ihr getan habt, dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan.“ Der Mitleidende und Barmherzige wird (ja muss) Mitleid und Barmherzigkeit empfangen, wie es Jesus vermittelt: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."
Hierbei handelt es sich um das „Gesetz“ des Geistes und der Liebe, dem selbst Gott sich unterwirft, da es sein ganzes Sein erfüllt. Oder, um mit den Worten Meister Eckharts zu schließen: „…würde er das nicht tun, so wäre Gott nicht Gott, was doch sein kreatürliches Sein ist.“
Liebe Grüße
Elmar
Permalink Antwort von Chantal am 12. September 2011 um 1:06pm Lieber Thomas,
für mich war der Zugang zur Mystik noch leichter über Bilder: wie z.B. diese Zeichnung von M.C. Escher. Die Verwandlung der Vögel zu Fischen. Es heisst "Luft und Wasser."
Das Eine, die eine Quelle, alles fliesst in einander, keine Trennung, ewige Wandlung, mal oben, mal unten, mal Schatten, mal feste Form. Bewegung und Stille. Bei den Mystikern fühle ich mich zuhause. Bei den christlichen Denkern, Gläubigen, sind mir die Antworten auf die Sinnfragen zu menschlich, gemacht, zu tröstend, irgendwie durchschaubar. Ich kann das nicht glauben, was da geschrieben ist. In den Bildern bleibt mehr Raum.
Ja, bring doch mal etwas von Jakob Böhme, wenn er dein Lieblingsmystiker ist.
Liebe Grüsse Chantal
Permalink Antwort von Chantal am 12. September 2011 um 1:28pm Lieber Elmar,
Ja,habe gegoogelt, und genau diese "Hand" bei Khalil Gibran gefunden.
Aber,... da konnte ich auch lesen, dass es eine "Gibran Academy of Arts" ist, die diese Bilder herstellt. Und diese Bilder sind so nach empfundene Bilder von klassischen Künstlern, also ein Verschnitt vom echten William Blake, der zu den bedeutenden Künstler der Mystik zählt.
So haben wir beide recht.
Mich hat die Gruppe "Christliche Mystik" angesprochen, weil ich mich seit längerer Zeit mit meinem Glauben an Christus und mit der Mystik beschäftige.
Dabei ist für mich die Mystik ein Weg, mit Gott in Kontakt zu kommen.mich mit ihm zu verbinden und mit ihm eins zu werden und meiner kleinen Person "ledig zu werden", wie Meister Eckhart es beschreibt:
"Denn als der Mensch noch im ewigen Wesen Gottes stand, da lebte in ihm nicht ein anderes; was da lebte, war er selbst. So denn sagen wir, dass der Mensch so ledig sein soll seines eigenen Wissens, wie er´s tat, als er (noch) nicht war, und er lasse Gott wirken, was er wolle,und der Mensch stehe ledig."
Permalink Antwort von Elmar am 22. Oktober 2011 um 7:25pm Hallo Mystiker,
herzlich willkommen und danke für diesen Beitrag.
Das Thema, das du mit dem Text von Meister (Predigt Nr 52) anschneidest ist brisant. Ich nenne es die Stärke der Nichtexistenz: Soweit der Mensch sich seiner wahren Existenz (der göttlichen) bewußt ist, wird ihn dieses Bewußtsein fähig machen, sich als Mensch bedingungslos zurückzunehmen. Er muss niemandem mehr etwas lehren oder vermitteln, außer demjenigen, der ihn liebt. In diesem vertrauensvolle Zunichtewerden alles Menschlichen, gelangt der Mensch zu Gott - durch die Geisteshaltung Jesu. Das ist die tiefere Bedeutung des Wortes:
Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.
Am Anfang dieser Predigt sagt Eckhart in einem anderen Kontext:
Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muß er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er's war, als er (noch) nicht war.
Innerlich bereit werden, in jeglicher Hinsicht (eigenes Wissen, eigener Wille etc.) in einen "Zustand" zu gelangen, in dem ich noch nicht existent war: Dies Bereitschaft ist das Gütesiegel echter Größe. Wer die Existenz der eigenen menschlichen Wirklichkeit bereitwillig in Frage stellen kann ohne daran zu zerbrechen, der darf von sich sagen, dass er die hiesige menschliche Existenz überwunden hat.
In der Welt habt ihr Angst; aber seid getröstet, ich habe die Welt überwunden.
Liebe Grüße
Elmar
Könnte man das, was du als "bereitwilliges Infrage-Stellen der eigenen menschlichen Existenz" als die wahre Demut sehen, die die christlichen Kirchen immer propagiert haben,ohne überhaupt zu wissen, dass diese Demut wirklich so tief und so radikal sein muss, um mit Gott vereint zu werden?
Selig, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich. Joh.5,3
Denn wer sein Leben erhalten will,der wird´s verlieren; wer aber sein leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden. Matth. 16, 25
Permalink Antwort von Elmar am 23. Oktober 2011 um 10:27am Könnte man das, was du als "bereitwilliges Infrage-Stellen der eigenen menschlichen Existenz" als die wahre Demut sehen...
Ja, wobei diese Form der Demut aus einer schonunglos geübten Selbsterkenntnis und keinesfalls aus menschlichem Hierarchiedenken rührt: Indem ich meine eigenen Schwächen und Fehler sehe und anerkenne, kann ich (reinen Gewissens) meinen Mitmenschen nicht mehr verurteilen. Da ich selbst der Vergebung und der Barmherzigkeit bedarf bin ich (angesichts meiner eigenen Fehler und Schwächen) aufgefordert Barmherzigkeit und Vergebung zu üben. Hierin liegt die Kausalität der ganzen christlichen Sündenvergebung und keinesfalls in rituellen Handlungen, wie dies beispielsweise die katholische Kirche suggeriert.
Liebe Grüße
Elmar
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