Tageslosung:
Heile Deinen Körper A-Z
Warum wurde mein Kaugummikauen während der Messe eigentlich bestraft, während Dein Abbrechen von quitschender Kreide an der Schultafel ungesühnt blieb? Schließlich war Dein Geräusch wesentlich unangenehmer für alle Beteiligten. Warum sorgtest Du Dich um die Verschwendung von Knittergold durch die Messdiener, nicht aber um die von Lebenszeit durch das Auswendiglernen Deines Katechismus?

Ich weiß nicht mehr, wie oft Du mir den Hintern mit dem Kabel der Stehlampe verdroschen hast, nachdem sie Dir den Rohrstock verboten hatten. Du konntest mir die Knochen brechen, doch niemals mein Herz. Warum ist niemandem im Krankenhaus aufgefallen, dass ich so oft gestolpert bin? Warum haben sie nie danach gefragt, wieso ich mit 15 das Bett noch immer einnässte?

Ich habe meine Seele verschlossen, damals, als ich das Wesen der Bigotterie erkannte. Es gibt zwei von Euch, den da oben über den Kumuluswolken, der die Dinge geschehen lässt, und Dich hier unten, der sie tut. Du wolltest, dass ich das Knie beuge vor ihm, und meintest meinen Nacken vor Dir.

Wie könnte ich diesen Geruch vergessen? Diese Mischung aus kaltem Weihrauch und Bohnerwachs, der in Deiner Soutane genauso hing wie in den kalten Fluren? Sie war eine Wohltat im Vergleich zu dem Gestank des Harzer Käses, mit dem Du versuchtest, mich zu bestechen. Selbst Limburger hätte nichts vermocht gegen den pelzigen Belag, den Dein Samen auf meiner Zunge zurück ließ. Ich kotze immer noch.

Geflohen bin ich bis an's andere Ende der Welt, Vergessen habe ich gesucht in den Leibern der Huren und Ruhe im tiefsten Schwarz des Afghanen. Gefunden habe ich nichts von alledem, und so bin ich schließlich zurückgekehrt, um Dich heute und hier anzuklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Ich stehe an Deinem offenen Grab und begreife: ich komme zu spät. Ich kann Dir all das nicht mehr entgegen schleudern. Soll ich mich wirklich darauf verlassen, dass der da oben die letzte Instanz ist? Jahrelang habe ich mich von Hass genährt, Labsal empfunden bei dem Gedanken, Dir Deine Scheinheiligkeit herunter zu reißen wie den morschen Vorhang an Deinem Beichtstuhl. Du feiger Hund hast es vorgezogen, vorher zu sterben. Sei's d'rum!

Es gibt viele von Deiner Art und für einen von Euch gibt es ein Dutzend von uns. Ich werde sie finden, und wir werden aufstehen wie ein Mann und Front machen gegen Euch. Die Hölle, die vor mir liegt, ist nichts im Vergleich zu der, die ich verlassen habe, als ich vor 28 Jahren bei Nacht und Nebel über diese Mauer geklettert bin, mit nichts als dem nackten Leben und dem Willen zu Überleben.

Das Blitzlichtgewitter ist erschreckend, aber ich habe keine Kraft übrig für Angst oder Zweifel. „Mein Name ist Hubertus Zielankopfski und ich wurde hinter diesen Mauern mißbraucht.“

© sylvie2day, 22. 02. 2009

*************************************************************
Heute stand in der Zeitung, dass die katholische Kirche eine Hotline einrichten will, in der sich Mißbrauchsopfer melden können. Ich bin keines und ich kenne auch keines (zumindest weiß ich von keinem)

Liebe Grüße

Sylvie

Tags: Kurzgeschichte

Seitenaufrufe: 0

Antworten auf diese Diskussion

Toll!!! Ich danke dir sehr, denn deine Zeilen werden einiges bewirken!
Ich bin "Eines" jedoch nicht durch die katholische Kirche. Ich fühle mich auch nicht mehr als Opfer und doch bewirken deine Zeilen in mir so etwas wie Sühne, jemand der so offen darüber sprach, während Menschen wie ich erst Erwachsen werden mussten, um Offenheit zu leben und zu verstehen, dass die Vergangenheit vergangen ist und Hass nur Hass säht.
Es ist ein gutes Gefühl - trotzdem- das jemand sich traut dem Ganzen einen Namen, eine Handschrift und noch mehr, eine Art Eingeständnis der Wahrheit, denn Zweifel die wohl jeder hat, der ähnliches erlebt hat, wie dein Protagonist, die Zweilfel aus dem was man an verblasendem Erinnerten in sich trägt, die Wahrheit zu erkennen und den Mut zu haben das was man als Schmerz noch fühlt aufzuarbeiten. Ich kann heute mit fast 45 Jahren sagen, es gab auch gute Zeiten, den Wind in den Haaren und das kurze freie Gefühl ein Mensch mit Werten zu sein, dieses gab mir damals kein Mensch, sondern die Natur und meine Spiritualität, mein Wissen um alles Vergängliche, - so auch meine Zeit der Pein....

Danke von Herzen
Alles liebe von Johanna
Liebe Johanna,

danke für Deine offenen Zeilen. Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand zugibt, ein Opfer gewesen zu sein. Zu groß ist wohl die Angst, die anderen könnten einem insgeheim eine Mitschuld zuschieben.

Um die Wahrheit zu sagen: ich weiß nicht, wo die Geschichten "herkommen". Ich setze mich nicht hin und denke: ach ja, Sylvie, schreib mal eine Geschichte über Mißbrauch, um die Menschen aufzurütteln. Es ist eher so, dass die Geschichten zu mir kommen und mir einfach durch die Finger fließen. Bei dieser musste ich wie eine Schloßhündin heulen. Es ist, als wäre ich in dem Moment mit dem kollektiven Schmerzkörper verbunden. Es fließt in mich hinein und als Geschichte wieder heraus.

Insofern habe ich wenig "getan", außer natürlich anzuhalten und das zuzulassen. Und wenn ich lese, dass das Ergebnis etwas bewirkt hat, dann freue ich mich darüber sehr.

Liebe Grüße

Sylvie
Ja so ergeht es mir auch wenn ich schreibe, und danach denke ich: "Habe ich das wirklich geschrieben?"
Das Gefühl man hätte eine Art Mitschuld, ist verständlich, wenn man mehr über die Strukturen von Missbrauch weiß, so erkennt man auch, dass Kinder sehr wohl eine sehr feine Sexualität haben, die nur leicht von Erwachsenen missverstanden gedeutet wird und der Missbrauch der dadurch entsteht, den empfinden oft Kinder als "Strafe"... die "Schuld" ist bereits vorprogrammiert. Ich habe mich sehr ausführlich mit diesem Thema auseinander gesetzt, später als junge Erwachsene habe ich Psychologie studiert, um noch mehr darüber zu erfahren, ich habe Selbsthilfegruppen geleitet und mich nach und nach sowohl von meinen Schuldgefühlen, als auch von den Strukturen und Bindungen die der sexuelle Missbrauch mit sich brachte, enbunden. Heute kann ich sagen, ich habe einiges verstanden, vieles überwunden (Hassgefühle oder Vergeltungsgedanken), mir geht es teils so wie deinen Protagonisten, meine Täter sind fast alle Tod, ich gehe Richtung Alter, heute sehe ich vieles klarer, verstehender. Der Schmerz sollte sicht nicht binden, aber man muss viel dafür tun, um so weit zu sein, sich innerlich immer wieder (wenn Fragen, Zweifel oder neue Erinnerungen kommen) damit auseinandersetzen, es hört nie auf, das Be-Greifen, das Heilen. Narben bleiben als sichtbare Spuren und hinterlassen oft bei anderen Menschen Fragen. Heute kann ich sie beantworten. Ich halte meine Offenheit nicht mehr für Mutig, sondern mir zugehörig, als Teil von mir, genau wie meine Vergangenheit, nur selten denke ich... mir fehlt meine Kindheit, diese Unbeschwertheit, die ich heute bei meiner kleinen Tochter erblicke, für mich ist sie wie ein Mahnmal, ihre kleine Seele, wie leicht doch ist sie zu verletzen. Es liegt an mir, ihr eine Kindheit zu schenken, die sie als gute Erinnerung trägt. Das weiß ich heute. Ich weiß auch, das in einem erwachsenen Menschen immer zwei Seiten sind, die oft miteinander kämpfen, die Seite des Mitgefühls und die Seite des Egoismus. An uns liegt die Entscheidung.

Auch ich muss manchmal weinen, wenn ich eine Geschichte aus irgendeines Lebens schreibe... es sind Teile der Ganzheitlichkeit, des Miteinanders und des Leids...

Es ist schön, das mit dir zu teilen!
Alles liebe von Johanna
Liebe Johanna,

es tut gut zu hören, dass es anderen auch so geht. Am Anfang hat mir das schreckliche Angst gemacht. Ich habe versucht, den Schreibimpuls zu unterdrücken, weil ich "das schlimme" Gefühl nicht haben wollte. Das Resultat war , dass ich nichts mehr auf Reihe gekriegt habe, bei der anderen Arbeit unkonzentriert war und mich rundum unwohl gefühlt habe. Das war dann schlimmer als die Angst vor dem Kontrollverlust und nur, um wieder auf "normal" umschalten zu können, habe ich dann eben geschrieben.

Irgendwann saß ich da und es entstand so ein richtiger "Schenkelklopfer" und ich habe beim Schreiben vor Lachen fast in die Tischkante gebissen und den Akt des Schreibens sehr genossen. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich diese Variante genau so wenig unter Kontrolle habe wie die andere. Es war nur der Verstand, der daraus "gut" und "schlecht" machte. In Wahrheit ist es einfach. Und ich nehme es so wie es kommt. Wenn die Geschichte dann "fertig" ist, ebbt das Gefühl wie jedes andere auch ab und löst sich auf.

Liebe Grüße

Sylvie

RSS

Das Forum für Spiritualität

Mein Weltinnenraum ist die deutsche spirituelle Community (= Gemeinschaft) der J.Kamphausen Mediengruppe.

Einheit - Vielfalt - Jetzt.
Spiritualität und spirituelles im Alltag.

Chat, Forum, Blog, Video, Trailer und vieles mehr.

Mitglieder

Moderatorenanfragen

Kontak zum Moderatorenteam
Infos über unsere Moderatoren

Bitte beachtet auch unsere >>Netiquette >> Massnahmenkatalog und den Auszug aus unseren Nutzungsbedingungen

Geburtstage

Fotos

  • Fotos hinzufügen
  • Alle anzeigen

Anzeigen:

Empfehlungen aus dem Weltinnenraum:

Therapeutic Touch
neu als
E-Book & Print on Demand erhältlich

Krieger: Therapeutic Touch

Das magische Kräuterjahr
Feste, Rituale, Kräutermagie, Küchenzauber

Das Magische Kräuterjahr

Herzenslust
Sprecher: Christoph Gaugler
Herzenslust

Achtsam leben
Wie geht das denn?
Thich Nhat Hanh Achtsam leben



Werden Sie zum Guerilla-Gärtner

Seedballs-Broschüre

 

Partner-Websites:


Badge

Laden…

© 2012   Erstellt von Leander von Kraft.

Badges  |  Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen