Hallo,
mir geht es sicherlich wie vielen von Euch!
Mein Anliegen ist es, zu hinterfragen, inwieweit bestimmte Hilfsmittel/ Methoden eines spirituellen Lehrers tatsächlich dem Zweck der Bewusstwerdung/des Wachstums hin zum Erwachen dienen (was auch immer das genau heissen mag, nur weil jemand von „erwacht sein“ spricht, heisst das erstmal noch gar nichts…).
Ausserdem frage ich mich bei der relativ großen Anzahl derer, die mehr oder weniger laut ihr „erwacht sein“ verkünden, inwieweit diese Verkündung der Wahrheit entspricht.
Dies unabhängig davon, ob ein möglicherweise nur „Scheinerwachter“ selbst von seinem/ ihrem „Erwachtsein“ überzeugt ist oder bewusst andere Menschen täuschen möchte.
Der „spirituelle Jahrmarkt“ (Jed McKenna) ist riesig, unübersichtlich, bunt und anziehend für menschliche Egos verschiedenster Couleur, und daß es sich beim spirituellen Ego um eine sehr gewiefte Form des alten Gesellen Ego handelt, dürften die meisten spirituell Interessierten schon einmal gehört oder am eigenen Leib erfahren haben.
So kann ich mir sehr gut vorstellen, dass doch relativ viele der sich selbst für „erwacht“ haltenden Menschen einer sehr mächtigen Form des spirituellen Egos aufsitzen, was sie möglicherweise für andere spirituelle Egos erst recht anziehend macht (es gibt im Rahmen der Illusion sicherlich sehr viele äußerst unterschiedliche Zustände, denen aber allen gemein ist, dass sie nichts mit „wirklichem Erwachtsein“ zu tun haben, d.h. sie gehören alle zum Reich der Träume).
Gleichzeitig scheint es mir, dass in vielen spirituellen Gemeinschaften die Menschen zwar beim Sitzen und Praktizieren in der Nähe des „Erwachten“ sicher wunderbare energetische Wohlfühlerlebnisse haben, einschließlich des Gefühles, alle Anwesenden und die ganze Existenz zu lieben, um gleich danach jedoch, bereits beim Verlassen des Raumes wieder ins alte Ego-Ellenbogen-Gebaren zurückzufallen.
Wo also erfolgt hier die Transformation?
Ich glaube, wirkliche Wachstumsschritte bedürfen meist einer ernsthaften und oft auch ziemlich schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego, ein Hinschauen in dunkle Ecken, in die niemand schauen möchte, aus Angst, was er/sie da (im wahrsten Wortsinn) ans Licht befördern mag.
Das Ego (so unwirklich es letztlich auch ist) hat über die meisten Menschen eine solche Macht, dass es sicher nur sehr selten unter Zuhilfenahme schöner Vorträge, gemeinsamen Chantens, Meditierens, Diskutierens, Praktizierens oder was auch immer die Segel streichen wird.
Im Gegenteil, oft tragen solche Praktiken meiner Erfahrung nach eher zu einer subtilen Verstärkung des illusionären Verstandesgefängnisses bei, da man sich auf dem „richtigen“ Pfad wähnt und die „angenehmen“ Zustände als auch das theoretische Drumherum als besonders tragfähige Säulen des Ego-Gebäudes mit einbaut.
Die alten Zen-Meister dagegen waren bekannt für ihre zum Teil brachialen Methoden, aber auch für eine hohe Anzahl von Schülern, die in ihrer Gegenwart erwachten:
„Mehr als jeder andere Zen-Meister nach Hui-neng trug Ma-tsu zur Ausformung der typisch chin. Zen bei. Er griff zu Hilfsmitteln der Schulung wie dem plötzlichen Schrei (chin. Ho!), wortlosen Gesten etwa mit dem Fliegenwedel und überraschenden Stockschlägen. Er stieß seine Schüler zu Boden, kniff sie in die Nase, schleuderte ihnen plötzliche Fragen und paradoxe Antworten entgegen, um sie aus der Routine des Jedermanns-Bewußtseins aufzurütteln, sie aus den eingefahrenen Bahnen des begrifflichen Denkens zu befreien und ihnen zu ermöglichen, in einem durch einen Schock ausgelösten plötzlichen Zusammenbruch des bisherigen Denkens und Fühlens zur Erfahrung der Erleuchtung zu kommen.“
So plädiere ich für eine wesentlich kritischere Auseinandersetzung mit den vielen selbsternannten „Erwachten“ und deren Methoden.
Herzliche Grüsse, Ralf