Lieber Christian,
liebe Gruppenmitglieder,

bei der Beschäftigung mit Christian´s Texten ist neben weiteren wertvollen Worten vor allem das oben genannte Zitat von Ramana Maharshi in mich eingedrungen: "Zu Anfang musst du dich zu hundert Prozent bemühen."

Es geht weder ums "Tun" noch ums "Nichts tun können" sondern um das "Anhalten".
Wie Christian sagt, ist das ein sehr aktiver Prozess, der mit großer Entschlossenheit und Fokussiertheit verbunden ist.
Und dann heißt es noch:"Dann gibt es einen Punkt, von dem an du dich gar nicht mehr bemühen kannst, aber dich auch nicht mehr nicht bemühen kannst."

Diesen Punkt begreife ich quasi als mein Etappenziel auf dem Weg zum Aufwachen. An diesen Punkt zu kommen, darauf richtet sich mein ganzes Wünschen aus. Und damit sind natürlich auch Fragen verbunden wie:
Wie kann dieses Bemühen in meinem Leben aussehen? Was kann ich tun, um mich zu hundert Prozent zu bemühen?

Ich erlebe mein Bemühen bislang als zu kraft- und energielos, um tatsächlich anhalten zu können. Ich bin zu sehr auf mich allein gestellt, als dass das wirklich funktionieren könnte. Meine Motivation für die innere Arbeit beziehe ich ja gerade aus dem Wunsch ein besserer "Mitmensch" (also wirklich Mensch) zu werden und dieses ewige Gedankenkarussel des Ego zu beenden und nicht daraus, es "für mich alleine" zu schaffen.

Mich würde interessieren wie ihr diesen Prozess bei euch erlebt oder erlebt habt und was euch dabei geholfen hat diesen Punkt, von dem da die Rede ist, tatsächlich zu erreichen.

Ich freue mich auf eure Beiträge.
Herzliche Grüße

Ingo

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Lieber Ingo!
Danke für Deine Gedanken...mir ist spontan dazu eingefallen, daß ich mich einige Jahre sehr bemüht habe(ein besserer Mitmensch zu werden)......und dabei auch sehr verkrampft, bis ich völlig energielos war.......dass war kontraproduktiv....konnte nach einem Seminar bei Christian " die Richtung wechseln" habe dann eher versucht mich zu entspannen und auch mit meine Mitmenschen entspannt zubleiben....ganz praktisch habe ich Sport getrieben wenn ich zu schlaff wurde (was auch manchmal vorkam) und mich versucht zu entspannen ( Yoga, Massage, schwimmen gehen,bewusst atmen,spazieren gehen, nicht ständig ein Projekt im Kopf,einfach mal nichts tun...sich von der Muße küssen lassen). Habe meine Aufmerksamkeit mehr auf meinen Körper gerichtet anstatt nach außen.... bemerkte dann auch,dass das sozusagen ansteckend ist,wenn ich mich entspannen konnte, konnten dass die Menschen um mich herum auch viel leichter ,was mir dann wieder half entspannt zu bleiben.....
Liebe Grüße und ein entspanntes Jahr 2010 wünscht
Annekatrin

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Hallo Annekatrin,
vielen Dank für deine Antwort. Das Entspanntsein ist für mich auch ein ganz wichtiger Punkt. Aber es gibt da diesen Unterschied zu, wie du es genannt hast, "schlaff werden". Es fühlt sich bei mir so an, als wenn die bisherigen Bemühungen nicht gegriffen haben (weil ich mit Sicherheit zu verspannt war).

Bemühen und Entspanntheit zusammenzubringen, scheint die Herausforderung zu sein, obwohl sich das zuerst sehr widersprüchlich anhört.

Ich wünsche dir auch ein gutes und entspanntes 2010

Ingo

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Hallo Ingo!
Ja ,das ist schön auf den Punkt gebracht: "Bemühen und Entspanntheit zusammenzubringen" ...........und aufstehen und über sich selbst lachen, wenn man mal wieder auf einer Seite des Pferd heruntergefallen ist...
Liebe Grüße
Annekatrin

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lieber Ingo,

du schreibst, wie du dich bemühst, anzuhalten.
Aber Anhalten und Bemühen – ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Ich bin durchaus der Ansicht, daß „anhalten“ möglich ist – wenn es nur um das Anhalten geht, und es nicht als ein Mittel zum Zweck benutzt wird. Sozusagen sich um gar nichts mehr bemühen, mit dem Leben fließen und Gott einen guten Mann sein lassen.

Wenn aber „Anhalten“ geübt wird, um damit etwas anderes zu erreichen, wie z.B. das „Erwachen“ (was für viele Sucher ja auch nur ein Synonym für erhoffte garantierte Glückseligkeit ist), dann habe ich da so meine Zweifel. Weil es dann eigentlich kein Anhalten mehr ist in meinen Augen sondern nur eine neue Form des Strebens, mit allen Begleiterscheinungen, die das Streben so mit sich bringt: Stolz, wenn es mal ein bißchen klappt (ICH habe es geschafft!), Ärger und Frustration, wenn es mal wieder nicht klappt, (ICH muß es aber schaffen!) usw.
Ein neues Kapitel der Leidensgeschichte mit der Überschrift „Es sollte anders sein als es ist“.

Dabei währe eigentlich die Situation des „Steckenbleibens“ oder „nicht-voran-kommens“, wie du sie beschreibst, eine gute Gelegenheit, einmal das Anhalten zu praktizieren. Nicht um dann doch wieder in die Gänge zu kommen und dann gute Fortschritte zu machen, sondern um dieses Steckenbleiben einmal zu erforschen: Warum in aller Welt willst du das vermeiden? Was ist so schlimm daran? Und was würde passieren, wenn du dich dem hingibst und alle Bemühungen in den Wind schießen läßt?

Solange du das Gefühl hast, daß es noch etwas gibt, wo du hinwillst, solltest du nicht anhalten sondern Gas geben. Dafür ist das Leben schließlich da. Das Bemühen um Anhalten kommt mir vor wie Fahren mit angezogener Handbremse. Wohin soll das führen?

Viel spannender als irgendwelche Konzepte von Anhalten oder Nicht-tun finde ich die Fragen:
Was will ich wirklich? Was verspreche ich mir davon? Was will ich damit vermeiden?
Aber nicht im Sinne einer weitschweifigen Grundsatzerklärung, sondern tagtäglich, immer wieder neu, in jeder noch so kleinen Situation. Wenn man da ein bißchen ehrlich mit sich selbst ist, hat man genug zu tun, und wer weiß, vielleicht kommt dann das Anhalten ganz von alleine.

lieben Gruß,
jochen

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Lieber Jochen,
ich glaube da liegt ein Missverständnis vor.
Anhalten bedeutet ja nichts anderes als den Reaktionen deines Ego nicht länger zu folgen. Und dazu muss man sich bemühen HIER zu bleiben, im Augenblick. Erst dann kommt man tiefer. Wenn man sich nicht bemüht und "mit dem Leben fließt" wie du schreibst, ist das eher ein sich treiben lassen. Das ist auch in Ordnung, führt aber mit Sicherheit nicht zum Aufwachen.

Christian Meyer hat das sehr klar und verständlich beschrieben, dass Anhalten und Bemühen kein Widerspruch ist. Das kannst du in seinen Büchern oder wahrscheinlich auch auf seiner website nachlesen.

Liebe Grüße
Ingo

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lieber Ingo, du schreibst:
"Das ist auch in Ordnung, führt aber mit Sicherheit nicht zum Aufwachen."

Hm. Woher weißt du das?

Weißt du, ich habe die Bücher von Christian gelesen und schätze auch seine Arbeit sehr.
Allerdings kenne ich auch einige "Erwachte", die mir berichten, daß das Erwachen überhaupt nichts mit Bemühen zu tun hat. Ich kenne andererseits viele, die sich eifrig um das Erwachen bemühen, aber ohne Erfolg.
Das macht mich schon stutzig.

Deshalb finde ich die Frage nach dem "was will ich wirklich" sehr entscheidend.

Es gibt so etwas wie einen unpersönlichen Willen, einen, der ganz aus der Tiefe kommt. Manche nennen es "Schicksal" oder "Seelenplan", manche auch "Gott". Ich mag diese Begriffe nicht so sehr. Ich empfinde es eher als so etwas wie "DEIN WILLE geschehe", oder, wie es im Psalm 46 heißt: "Sei still, wisse, ich bin Gott". Manchmal wird dieser Wille wie eine unbändige Kraft erlebt, ein innerer Dämon, der einen antreibt, manchmal auch wie eine tiefe Sehnsucht. Sich dieser Kraft anvertrauen, egal (!) wohin sie dich trägt, das meine ich mit "mit dem Leben fließen". Es ist das Eingeständnis, daß ich es sowieso nicht besser weiß.

Auf der anderen Seite gibt es den persönlichen Willen. Der ist so wie an der Käsetheke: Darf es noch etwas mehr sein? Oh ja, natürlich, etwas mehr Frieden, etwas mehr Stille, etwas mehr Erfolg, mehr Geld, eine nette Partnerschaft....usw. Das hat etwas willkürliches und ist ohne Saft und Kraft. Es ist mehr so das trotzige Wollen: Ich möchte lieber, ich sollte besser, ich will auch, die anderen haben ja auch...Wenn man sich dann mal umschaut, dann stellt man fest, daß viele auch so etwas wie "Erleuchtung" oder "Erwachen" in ihrem persönlichen Warenkorb haben, so als wäre das etwas, das man dem Leben noch hinzuaddiert und dann geht es einem viel besser. So eine Art Instant-Glückseligkeit.
Oft steckt dahinter der Wunsch, das ein oder andere Problem auf diese Weise aus der Welt zu schaffen und es nicht genauer anschauen zu müssen. Oder noch deutlicher: Dem Schicksal zu entgehen. Es in die eigene Hand zu nehmen. Als ob Erwachen etwas wäre, das in unserer Macht steht.

Natürlich klingt es erst mal gut, wenn man sagt, ich möchte das Gedankenkarussel des Ego beenden. Aber ich glaube, das kannst du vergessen. Wer ist denn dieses Ich, das etwas beenden möchte? "Ich möchte" ist doch auch nur ein Gedanke, eine weitere Zutat zu dem Gedankenkarussel. Und wenn nicht, wenn es wirklich aus der Tiefe der Seele kommt, dann mach ich mir keine weiteren Gedanken darüber. Dieses sogenannte Ego ist doch nicht etwas, das man nach Belieben ein oder abschalten kann.

Das Beste scheint mir wirklich zu sein, sich dem Leben hinzugeben. Wenn da Gedankenkarussel ist, dann ist da eben Gedankenkarussel. Wenn nicht, dann nicht. Je weniger man sich damit beschäftigt, desto mehr Raum ist da für das, was aus der Tiefe der Seele aufsteigen will. Wenn es das Aufwachen ist, nun gut. Wenn es was anderes ist, was die Seele will, auch gut. Woher will ich wissen, was letztenendes gut für mich ist?

Vielleicht ist es viel besser, Geschirr zu spülen oder die Steuererklärung zu machen, als sich über das Aufwachen den Kopf zu zerbrechen.
Auch das könnte helfen "HIER zu bleiben, im Augenblick".


lieben Gruß,
jochen

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Hallo Jochen,

dein Ego scheint ja ein gewiefter Argumentierer zu sein.
Ich glaube im Grunde, also im Herzen, sind wir uns schon einig. Das Ego hat aber offenbar die Fähigkeit die Dinge so auseinanderzudividieren und zu rationalisieren, dass die Verwirrung immer größer wird.

Wenn du sagst, dass Erwachen nichts mit Bemühen zu tun hat, dann stimme ich dir zu. Es ist vermutlich eine Gnade.
Aber damit ich diese Gnade empfangen kann, muss ich in der Lage sein HIER zu bleiben, im Augenblick. Wenn ich aber ständig meinen Reaktionen folge und lieber an der Käsetheke stehe, wer ist dann da um die Gnade zu empfangen?

Die Frage danach, was ich wirklich will, finde ich auch sehr entscheidend. Wenn es nicht das Aufwachen ist, sollte man es sich nicht einzureden versuchen.
Aber es bringt einen auch nicht weiter, wenn man diese Ich-Konstruktion dazu benutzt sich alles auszureden. Nach dem Motto: Das ist ja ohnehin nur das Ego.
"Ich" ist nur eine Worthülse und scheint ziemlich viel Verwirrung zu stiften.
Wenn ein Erwachter "Ich" sagt, meint er damit ja nicht sein Ego. Wenn ein Unerwachter "Ich" sagt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Ego am Werk ist.
Letztlich geht es doch darum aus dieser egohaften Reaktivität herauszukommen und nicht darum in ihr zu versumpfen. Und deswegen scheint es mir vollkommen logisch zu sein, wenn Ramana sagt: "Am Anfang musst du dich zu hundert Prozent bemühen."

Du sprichst von "unpersönlichem Willen" oder "tiefer Sehnsucht". Sich dem hinzugeben, das ist es, was uns dem Leben näher bringt. Da stimme ich voll mit dir überein. Wenn du damit in Kontakt bist und dich dem hingeben kannst, wunderbar.
Dann brauchst du dir keine weiteren Gedanken darüber zu machen.
Wenn du aber nicht damit in Kontakt bist, nicht HIER im Augenblick bist, dann kann es schnell passieren, dass du dich den egohaften Impulsen hingibst und das mit dem göttlichen Willen verwechselst. Und so eine falsch verstandene Hingabe ist sicherlich nicht heilbringend.
Auf dieses HIERsein richtet sich zu Anfang das Bemühen, bis es ganz selbstverständlich wird hier zu sein. Dann ist es kein Bemühen mehr. Und ob dann Aufwachen geschieht oder nicht: wer weiß?

Herzliche Grüße
Ingo

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lieber Ingo,
danke für die ausführliche Antwort.


Nur noch eine kleine Anmerkung: Den Unterschied zwischen Ich und Ego sehe ich nicht.
Den gibt es auch nur im deutschsprachigen Raum. Als seinerzeit Sigmund Freud ins englische übersetzt wurde, hat man aus "das Ich" "the ego" gemacht, und als dann psychologische und esoterische Literatur aus Amerika nach Deutschland kam, hat man schlicht vergessen, das wieder rückzuübersetzen. Plötzlich gab es da ein Ich (lieb) und ein Ego (böse).
Spannend, was es für feine Unterscheidungen gibt für etwas, das es gar nicht gibt.


lieben Gruß,
jochen

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Du sagst es Jochen. Was für ein Theater und das bloß wegen eines "Phantoms".

Dir alles Gute
Ingo

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Lieber Ingo,
Dieser Prozess kann "auf sich allein gestellt" kaum erfolgreich sein.
Die Unterstützung durch den spirituellen Lehrer ist nötig, und die Unterstützung durch die Sangha, die spirituelle Gemeinschaft.
Ich bin beeindruckt von deiner Fähigkeit, diesen Prozess zu erfassen und in Worte zu fassen.
Von Bielefeld nach Berlin ist es nicht so weit, komm doch zu einem meiner Seminare.
Manchmal geschieht das Aufwachen schneller, als man sich es vorher vorstellt.
Auch deine späteren Beiträge finde ich sehr klar, vor allem dein Beitrag über das Bemühen und das Treiben lassen.
Ich freue mich von dir zu hören
Christian

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