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»Aufwachen« (Einführung aus dem Buch)
Dieses Buch handelt vom Glücklichsein. Nicht von dem flüchtigen und
brüchigen Glück, das von den äußeren Umständen abhängt, sondern
davon, wie das Glück durch die Reise nach Innen gefunden wird. Das
Glück, welches nicht kommt und nicht geht.
Seit Jahrtausenden sind Menschen auf der Suche nach dem diesem
inneren Glück, nach dem Einswerden und der heiteren Gelassenheit,
die daraus resultiert. Seit nahezu zwei Jahrzehnten wird dieser
uralte Menschheitstraum ganz offensichtlich immer häufiger
Realität. Es ist egal, ob man es Erleuchtung,
Selbst-Verwirklichung, Aufwachen oder das Einswerden mit Gott
nennt, es gibt immer mehr Menschen, die diese radikale innere
Transformation realisieren, immer mehr aufgewachte Menschen.
Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten
Jahrhunderts gab es ein ungeheures Interesse an buddhistischen
Strömungen, am Yoga oder auch der Lehre Krishnamurtis. In den
zwanziger Jahren nahmen an Krishnamurtis vierzehntägigen
Sommerseminaren 5000 Menschen teil! Viele Menschen interessierten
sich für Spiritualität und die Möglichkeit der inneren Befreiung,
aber die tatsächliche Transformation, das tatsächliche Aufwachen
blieb eine Seltenheit.
In den siebziger und achtziger Jahren zogen Hunderttausende
Menschen in das indische Poona, um Bhagwan, der sich später Osho
nannte, zuzuhören.
Aber erst seit Beginn der neunziger Jahre verbreitet sich das
Aufwachen als real stattfindende Transformation einzelner Menschen
in einer zuvor nicht für möglich gehaltenen Anzahl. Das macht
Hoffnung.
Was also ist nötig, um aufzuwachen? (aus »Aufwachen«, S.31 -
S.33)
Natürlich das Bewusstsein, dass man es nicht selber tun kann, wie
man ein Haus bauen, ein Brot backen oder eine Sprache lernen kann,
sondern dass es ein Geschenk ist, eine Gnade. Aber ein Geschenk,
eine Gnade, auf die ich nicht einfach, die Hände in den Schoß
legend, warten kann, sondern eine Gnade, für die ich mich öffnen
kann und für die ich mich so unwiderstehlich machen kann, dass sie
gar nicht anders kann, als mich zu erfassen. Dies geschieht, indem
ich „anhalte“.
Wenn du nach Innen gehst und du dir dein Leben und deine jetzige
Situation anschaust, dann siehst du: Da sind Tausende von Impulsen
aus der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der Familie und
der Ahnen, der Gesellschaft und der Geschichte, ebenso aus der
Charakterfixierung. All diese Impulse sind in der jetzigen
Situation wach und treiben dich dazu, etwas zu tun. Das ist das,
was im Osten das Karma genannt wird: Dieses Getriebensein, etwas zu
tun, etwas zu wollen, nach etwas zu verlangen und nach etwas zu
streben.
Deine Aufgabe ist, anzuhalten! Anzuhalten und zu schauen, was ist.
Anzuhalten und zu fühlen, was ist. Anzuhalten! Wie Ramana sagt:
„Meine Methode lässt sich in dem einen Satz zusammenfassen: Sei
still, halte an!“
Aha, – halte an! Sei still!
Es würde reichen, wenn ich hier sitzen und auf jede Frage und auf
alles, was kommt, sagen würde: „Aha, – halte an! Sei still! Beweg
dich nicht mehr und schau, was geschieht!“ Das ist alles. Dann
kommen die Gefühle hoch, die Schmerzen, die Sehnsucht, die Freude,
die Angst, die Verzweiflung – und dann ist die Stille da, die Leere
und die Unendlichkeit. Alles kommt hoch, aber du hältst an und bist
still.
Diese vielen Impulse der ganzen Menschheitsgeschichte, die sich in
dir kristallisiert und manifestiert haben, basieren auf der
Grundhaltung: Ich brauche!
Ich brauche andere Menschen, ich brauche Anerkennung und
Sicherheit. Der Körper auf der organischen Ebene braucht Nahrung in
bestimmten Umfang, Sauerstoff, Licht, bestimmte Wärme und das ist
in Ordnung. Wenn sich das Ich und der Geist dieses „ich brauche“
auch zu eigen machen wie: Ich brauche Liebe, ich brauche
Anerkennung, ich brauche von der oder dem eine Entschuldigung, ich
brauche unbedingt, dass der Vater stolz auf mich ist, dann ist das
eine Verrücktheit.
Wenn du gegenüber allen Impulsen still bist und anhältst, dann
entdeckst du, dass du vollkommen erfüllt bist, dass du mehr als
erfüllt bist, dass du selber die Liebe bist, nach der du suchst. Du
entdeckst, dass du einer Fata Morgana gefolgt bist. Das Anhalten,
das Still-Sein, basiert auf einer inneren Entschlossenheit und
Entschiedenheit, selbst wenn es weh tut.
Die ganzen Gefühle schreien danach, etwas zu tun, um Anerkennung,
Liebe, Sicherheit, Lob und Beachtung zu bekommen. Wenn du anhältst,
hört das natürlich zunächst nicht auf, es hat ja über
hunderttausend Jahre funktioniert und dich angetrieben. Im
Gegenteil, wenn du anhältst, hörst du dieses Schreien
deutlicher.
Bisher hast du viel davon kanalisiert durch oberflächliche Kontakte
und Beziehungen, durch Sprechen, Erzählen, Tun und Ablenken. Alles
ist diffus und verdeckt. Es tut nur in bestimmten Momenten weh,
dann, wenn es dich aus der Bahn wirft. Wenn du jetzt wirklich
anhältst, merkst du, wie dieser Gefühlsorganismus, dieser Körper
„haben will“. Du sagst: „Aha!“ und bleibst still. Die Entdeckung,
so erfüllt zu sein, dass du gar nichts brauchst, dass alles
Brauchen nur eine fixe Idee war, kommt erst ein bisschen später.
Das ist ein Teil des Spiels. Der Organismus ist darauf aus, sofort
etwas zu bekommen, sofort mehr Eiscreme oder Lob. Hier ist es so:
Du musst erst anhalten und später entdeckst du: Oh, das
Erfüllt-sein ist ja schon da.
Wirklich anhalten, wirklich still werden!
Wirklich anhalten, wirklich still werden! Wenn da der Gedanke ist:
Das Aufwachen ist eine Gnade, ist ein Geschenk, ich kann und
brauche gar nichts zu tun, ist das natürlich eine Falle. Wenn du
nichts machst, öffnest du den unzähligen Impulsen, die bisher dein
ganzes Leben und Verhalten bestimmt und regiert haben, wieder Tür
und Tor, denn sie wirken ja weiter. Wenn du nichts machst, wird es
noch die nächsten zweihundertfünfzigtausend Jahre so weiter gehen.
Du musst erst einmal dafür sorgen, dass du nichts tust. Das
bedeutet, anzuhalten und still zu sein, dich tatsächlich nicht zu
bewegen.
(Alle Texte © J.Kamphausen, Blfd. 2009)
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