Ich sitze hier jeden Tag und sehe ihnen zu, wie sie sich gegenseitig haschen. Ihre buschigen, roten Schwänze wirbeln um die Äste der alten Plantanen, die, eine nach der anderen, ihre Rinde verlieren. Die, die sie vor 125 Jahren pflanzten, hätten wohl nie gedacht, dass aus den winzigen Schößlingen solche Riesen werden würden, Riesen deren Wipfel sich mit dem Gipfel des Berges zu vermählen scheinen. Doch die kecken, sich haschenden Eichhörnchen kümmert nicht das Alter der Bäume, sie sammeln unermüdlich Nüsse für den Winter.
Letzte Woche fand hier eine naturkundliche Exkursion statt. Der nassforsche Bursche mit seinen Rasta-Locken erzählte, dass sie 85 Prozent ihrer Vorräte nicht wiederfinden werden. Die anderen fanden das uneffektiv. Ich habe nichts dazu gesagt, das tue ich nie. Ich sitze einfach auf meiner Bank und schaue zu. Effektivität ist etwas für die Jugend, die noch daran glaubt, dass sie die Welt verändern wird. Aber ganz ehrlich, wenn ich sie so anschaue, wie sie lärmend, wertend, knipsend durch die Gegend jagen, dann weiß ich eines ganz genau: Sie sind nicht besser als die Hörnchen, sie verschwenden genau so viel von ihrem Potenzial, nur eben auf ihre Art.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein bißchen wehmütig, wenn ich das so sage. Wir waren zu unserer Zeit auch nicht besser oder schlechter als diese jungen Lümmel. Wir waren nur näher dran am Wahnsinn. Mein Urgroßvater hat damals gegen die Preußen gekämpft. Es ging um... warten Sie... ja genau. Es ging um die Ehre und um einen blinden König, der die Preußen nicht im Land haben wollte. Bei 35 Grad im Schatten hat er mit seinen 55 Jahren unterhalb von Merxleben im Graben gehockt und gebetet, dass er nicht seinen Vetter aus Brandenburg erwischt. Hat er nicht, aber es hat ihn erwischt. Ein Schrapnell hat ihm einen Teil der Wade weggerissen. Vier Monate hat er im Lazarett gelegen, dann haben sie ihn in die Erde betten müssen.
Schauen Sie?! Da hinten, hinter der klassizistischen Pyramide, das junge Pärchen. Sie glauben, ich merke es nicht, dass sie rumfummeln als wäre es ihr letzter Tag. Obwohl? Wer weiß das schon. Ich wünsche ihnen ein langes und erfülltes Leben, aber manchmal kommt es anders als man denkt. Großvater war der nächste. Er war 25 Jahre alt und marschierte nach Paris. Er hat es sogar überlebt, aber ich kenne ihn nicht anders als verwirrt. Immer und immer wieder hat er erzählt von der Eroberung von Metz. Einwände konnte und wollte er nicht hören. Das Trommelfeuer damals hatte seine Trommelfelle zerstört.
Den beiden, da hinter der Pyramide, bleibt das wohl hoffentlich erspart. Sie wissen nichts vom Schrecken der Welt, sind geborgen in ihrer Zweisamkeit. Sie sind so jung und so unbeschwert. Sie wissen nichts von der Ehrwürdigkeit dieses Platzes. Wenn man ihnen in der Schule erzählt von den Grauen des Stellungskrieges, dann bleiben sie unberührt. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Selbst ich, die ich die Spuren des Senfgases im Gesicht meines Vaters tagein, tagaus, gesehen habe, ich will es mir nicht ausmalen, was im belgischen Matsch Menschen Menschen antaten für den Besitz von ein paar Quadratkilometern Erde. Als wenn wir irgend etwas besitzen könnten. Als wäre nicht alles nur geliehen.
Wir sind auf der Durchreise, alle miteinander. Mag sein, dass es aus meinem Munde merkwürdig klingt, so zerknittert und zerknautscht, wie ich hier vor Ihnen sitze. Ich habe halt meine Jährchen auf dem Buckel. Geboren im Krieg, aufgewachsen in der Wirtschaftskrise, Hüterin von Haus und Hof, als die Männer fort waren, Polen erobern. Oder war es Russland? Das ist fast ein Menschenleben her. Es war gestern. Mein Mann ist dageblieben. Wo genau, dass weiß ich nicht. Damals hatte ich auch keine Zeit, mich darum zu kümmern, wo er begraben liegt. Ich hatte vier kleine Kinder durchzubringen. Ich hab das geschafft und es ist etwas Anständiges aus ihnen geworden.
Paul, der Älteste, er hat Chemie und Mathematik studiert. Bis zum Staatssekretär im Kultusministerium hat er es gebracht. Johannes, der Zweite, der war immer ein Wildfang. Er wollte unbedingt Soldat werden. Ich habe ihn gefragt, ob ihm die Leiden seiner Vorfahren nicht reichen, aber er hat gelacht und gesagt: „Wir müssen der Welt zeigen, dass wir wieder wer sind“. Er hat Glück gehabt, er musste nie kämpfen. Aber das konnte doch damals niemand wissen, oder?
Und dann die Zwillinge, Elisabeth und Irmtraud. Dass zwei Mädchen so unterschiedlich sein können. Also innerlich, weil äußerlich konnte immer nur ich sie unterscheiden. Elisabeth war die laute, die herrische. Ich wollte nicht, dass sie hinter ihren Brüdern zurückstecken muss, und es ist eine respektable Ärztin aus ihr geworden.
Irmtraud war anders, von Anfang an. Sie hat auch studiert, irgend was Soziales. Und dann war sie plötzlich weg. Als sie wieder da war, erzählte sie was vom Karma, von Inkarnationen und Wiedergeburt, aber dann hat sie erneut studiert. Psychologie. Und mir gesagt: Mutter tue dies, lasse jenes. Und mir erklärt, warum alles so war, wie es war. Und wie man es besser machen kann. Ich habe das alles nicht so genau verstanden. Warum muss man sich selbst erkennen, und dann sollen immer alle anderen alles anders machen? Ich fand das unlogisch. Aber ich habe nichts gesagt. Es ist ihr Leben, nicht meines.
Im Moment ist sie im Hindukusch, irgend eine Schule aufbauen und einen Brunnen bohren. Jetzt erzählt sie vermutlich den Frauen dort, wie man es anders machen muss. Nein, ich bin ungerecht. Sie hilft den Frauen. Die sind traumatisiert wegen der Vergewaltigungen und ihre Kinder leiden auch. Uns hat damals niemand geholfen. Und ich werde den Teufel tun und Irmtraud erzählen, dass ihr Vater ein Ruski ist.
Die beiden hinter der Pyramide wissen nichts vom Hindukusch, denen macht einfach Freude, was sie miteinander treiben. Das Mädchen kichert. Wahrscheinlich flüstert der Junge ihr kleine Schweinereien ins Ohr. Nun seien Sie doch nicht schockiert. Wir waren auch mal jung. Glauben Sie, meine Kinder sind mir zugeflogen? Ich weiß eine Menge vom Leben, aber die meisten haben keine Zeit, um mir zuzuhören. Das macht auch nichts. Ich bin ja auch nicht wichtig. Mein Paul, der hat mir erklärt, dass die Erde fast fünf Milliarden Jahre alt ist. Wie wichtig sind da meine neunzig?
Ich sitze einfach hier auf meiner Bank und schaue auf den Engel gegenüber. Es wäre schön, wenn es hier passiert, dann brauchen sie mich nicht so weit transportieren. Aber wenn es Abend wird, dann stehe ich auf und gehe über die Straße in meine schicke Seniorenresidenz. Elisabeth hat sie ausgesucht. Obwohl... es sind ja nur 200 Meter von meinem Zimmer bis hierher auf den Friedhof. Wenn es da passiert, dann passiert es da. Ich muss nichts mehr in Ordnung bringen. Und niemand muss sich ändern für mich. Ich sitze hier und irgendwann wird es passieren. Das ist das Leben.
© sylvie2day, 25. August 2009
